Nepomuks Freude ist unermesslich: drei neue Schulpferde wurden angeschafft. Da er aufgrund der großen Nachfrage nach braven Lehrpferden in den letzten Monaten gefühlte 26 Stunden täglich eingesetzt wurde, erhofft er sich von den neuen Kollegen eine merkliche Entlastung. Bei aller Gutmütigkeit, man muss doch auch mal fressen und sich wälzen! In Ermangelung eines reitertauglichen Vokabulars hat Nepomuk, der Menschenflüsterer unter den Pferden, seine Bedürfnisse artikuliert.
Mit Reiter wälzt sich ein braves Schulpferd während der Arbeitszeit nicht; das findet Nepomuk nämlich unanständig und verwerflich. Außer letzen Freitag.
Springstunde bei 33 Grad und Luftfeuchtigkeit knapp unter 100 %. Der wirtschaftlich arbeitende Stallchef Herr Schulte-Osthoff ist zufrieden mit der Auslastung des betriebseigenen Schulungsangebotes. Er mag die wachsende Anzahl lernwilliger Reitschüler nicht enttäuschen und setzt gelegentlich sogar seine etwas kapriziöse Vollblutstute Comtessa ein.
Nach Beendigung ihrer Galopperkarriere erwarb Herr Schulte-Osthoff die schöne Rappin als Zuchtstute, nun soll sie auf dem dritten Bildungsweg auch noch Schulpferd werden, nun ja… „No risk – no fun“ murmelt diese ihren Boxnachbarn zu, als sie zur Halle geführt wird. Wir erinnern uns: Springstunde. Comtessa stoppt, der Reiter nicht. Nepomuk zitiert nach diesem Vorfall die Volksweisheit:
Manche Pferde werfen mehr ab, als sie einbringen.
Das Verantwortungsbewusstsein des klugen Betriebsleiters und der gute Ruf der Reitanlage gebieten nachfragegerechtes Handeln. Ordentliche erfahrene Schulpferde müssen her. Nepomuk, der Traum aller Wendy-Leserinnen, kann es nicht alleine schaffen. Genug Volumen um zwei Pferde aus ihm zu machen hätte er, doch solch alberne Sprüche findet er gar nicht zum Lachen.
Ein Anruf beim seriösen Pferdemakler (Pferdehändler hört er nicht gern), hat zum Ergebnis, dass noch am gleichen Wochenende drei Tiere ihre Probezeit auf dem Betrieb antreten. Ein Percheron (wurde von den Schülerinnen der so genannten Hausfrauenstunde sehnlich herbei geschwärmt) soll dem zunehmend nach oben tendierenden Bodymaßindex der Kundschaft Rechnung tragen. Außer dem befindet sich diese Rasse in einem sehr kritischen Stadium, da sie nur noch in der Freizeit, in der Hobbyzucht oder zur Erweiterung des Speisezettels Verwendung fand.
Dem lebenden Kulturgut verpflichtet tut Herr Schulte-Osthoff etwas für den Erhalt dieser seltenen Tiere und entscheidet sich für den Erwerb einer stattlichen Stute.
Weiterhin wurden aufgestallt und eingestellt: ein mittelgroßes Reitpony und ein Warmblutwallach in den besten Jahren. Erwartungsgemäß bilden sich sofort Fanclubs um die neuen Vierbeiner. Das niedliche Pony betrachtet buckeln als legitimes Mittel, sich als Persönlichkeit zu profilieren, der Warmblüter besticht durch die wilde Entschlossenheit sich über nichts aufzuregen bzw. sich nicht zu bewegen. Auch der Reitlehrer ist dankbar über die neuen Mitarbeiter und bewundert die zusätzlichen Mittel zur kreativen Unterrichtsgestaltung: Knieschluss und nachdrückliches Treiben sind aus gegebenem Anlass die aktuellen Unterrichtsthemen.
Die alte Pferdebelegschaft ist von der Charakterstärke der neuen Angestellten der Abteilung Schulpferde begeistert: mit solchen Kollegen könnte man bei der nächsten Hitzewelle einen Streik durchziehen. Nepomuk schwört alle alten und neuen Mitarbeiter schon mal auf die Parole ein: Hitzefrei ab 30 Grad!