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Schönheitsideal

Schönheit liegt im Auge des Betrachters und der Zweck heiligt die Kilos. So begrüßt der benachbarte Kaltblutzüchter durchaus den erheblich konvexen Körperbau seiner Vierbeiner und hat für zierliche Schönheiten wie Comtessa oder einen drahtigen Distanzaraber kaum mehr als abfälliges Mitleid übrig: „Der zieht doch keinen Zweig durch die Rückegasse – nicht mal talwärts!“ Sein equine Schönheitsideal ist ein expandierter Pferdebauch. Nur das sei Zeugnis für Tierliebe und Wohlstand...

Nepomuk, dem Dichter und Denker unter den Pferden, ist die Vielfalt in Gottes Tiergarten bewusst. Es gibt schließlich Bernhardiner und Windhunde. Sowohl Kritik als auch Notwendigkeiten in puncto Fütterung und Gewichtskontrolle weiß er zu bewerten und reimt zu diesem Thema:

Steht das Pony viel im Klee,
tut ihm von Rehe weh der Zeh!
Ist das Sportpferd schlank und fit
bringt es viele Schleifen mit.

Gerade als der in dieser Hinsicht tolerante Herr Schulte-Osthoff mit dem Maßband ermittelt, um wie viel er Nepomuks Boxtür verbreitern muss, damit dieser zukünftig nicht stecken bleibt, klingelt das Handy. Es beginnt eine schnurlose Verhandlung mit dem Futtermittelhändler. Dieser erzählt von neuen Gebindegrößen bei Vitaminbriketts: bei gleichem Preis enthalten die Kartons nun 30 anstelle der früheren 40 Stück. Das entspricht dem monatlichen Fütterungsaufwand von einem Stück pro Pferd und Tag und komme so dem Verbraucherverhalten entgegen – sei also eine gelungene Optimierung, man sei ja immer bestrebt den Wünschen der Kundschaft entgegenzukommen, nicht wahr?! Als kritischer Kunde fragt Herr Schulte-Osthoff sich und den Futtermittelhändler, was er wohl früher am Monatsende mit den übrigen Vitaminbriketts getan habe.

Die Preissteigerungen zwingen zur Neukalkulation und die Pferde lauschen schockiert den Worten des erbleichenden Stallchefs. Das Telefonat endet mit den resignierten Worten: „...dann reduzieren Sie bitte die nächste Lieferung um 25 Prozent.“

Schlagartig wird Nepomuk klar, was das bedeutet! Das Maßband kommt zurück in die Werkzeugkiste und vor Nepomuks geistigem Auge verwandeln sich die Wildecker Herzbuben in Sven Hannawald, ein japanischer Sumoringer in einen Marathonläufer, ein Gummistiefel in einen Stöckelschuh, ein Bierseidel in einen Joghurtbecher... kurzum: Diät.

Herr Schulte-Osthoff bespricht mit dem Pferdepfleger die neuen Futterpläne. Die aktualisierten Portionsgrößen bringen Herrn Schulte-Osthoff zu einer Erkenntnis. Weniger Futter = weniger Mist. Weniger Mist = weniger Arbeit für den Pferdepfleger. Also wird die Wochenstundenzahl der bezahlten Kraft dem Sparzwang ebenfalls angepasst. Comtessa versucht ihren Freund aufzumuntern und vermutet, dass der fürsorgliche Herr Schulte-Osthoff diese Lohnersparnis nutzen wird, um die Futterration doch wie gehabt zu dimensionieren. Alles würde somit bleiben, wie es war. Die mathematisch/naturwissenschaftliche Bildung der Vollblutstute ist limitiert (sie hatte lediglich ein Sportstipendium) und Nepomuk erklärt geduldig die Absurdität dieses Gedankens.
Einziger Trost ist die Gewissheit, dass bald die Weidesaison beginnt. Das bedeutet zweierlei:

  • Spiel und Bewegung (hier hält Nepomuk sich eher zurück)
  • Gras zur freien Verfügung (das entspricht voll und ganz seinen Neigungen)

Wirkliche Zukunftsängste entwickeln die um die Hüften ungleichen Pferde trotz aller wirtschaftlichen Unwägbarkeiten nicht, denn sie versichern sich gegenseitig: Wir sind dicke Freunde!

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