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Wunderboden

In der linken Hand ein abgetretenes Hufeisen, in der rechten ein abgetretenen Finger, betritt der ehrgeizige Bereiter den Stall. Herr Schulte-Osthoff hat ihn schon erwartet, da wenige Minuten zuvor der junge Hannoveranerwallach reiterlos und heimattreu den Stall aufgesucht hatte. Ein weiteres Indiz für die Zusammengehörigkeit des Pferd-Reiter-Paares war die identische Beschaffenheit des Gras-Sand-Gemisches auf den Vorderfußwurzeln des Schimmels und zwischen den Zähnen des zerknirschten Sportlers.

Der tiefe Boden von unvorhersehbarer Begehungseigenschaft, Staunässe und ein Hufschlag, wie ein Jahrhundert alter Hohlweg, müsse einem ja den Hals brechen, schimpft der neun fingrige Mann. Im Nu versammelt sich eine neugierig mitleidende Interessengruppe. Leidige Erfahrungen und Eindrücke rund um den in die Tage gekommenen Reitplatz werden erwähnt. Wird nicht der hartnäckige Husten des Voltigierpferdes durch den im Sommer aufsteigenden Staub begünstigt? Von negativer Pigmentierung der edlen Reitkleidung nach feuchter Witterung wird berichtet („holperiges Schlammloch“ wird nicht ausgesprochen – nur gedacht).

In der Tat muss Herr Schulte-Osthoff zugeben, dass sich auf dem Reitplatz die sommerlichen Staub-Ecken zum Herbst in Stau-Becken verwandeln.

Auch sei ihre Erfolglosigkeit in der letzten Saison auf den defizitären Zustand des Trainingsplatzes zurückzuführen, meint die junge Dressurreiterin. „Training ist nur etwas für die ohne Talent“, munkelt das alt gediente Grand Prix Pferd ironisch feixend seinen Stallkollegen zu. Keine Überraschung, dass nach dem Empfinden der Reiter nahezu alle Lahmheiten und Taktfehler, Husten und Widersetzlichkeit, buckeln und stolpern durch dieses fatale Viereck verursacht werden…

Staubfrei, federnd, schön anzusehen und haltbar soll er sein. Die Wunschliste der Einsteller kann mit Leichtigkeit von einschlägigen Unternehmern erfüllt werden – alles nur eine Frage des Geldes. Für Staunen sorgt unter anderem die Erwähnung eines „Ebbe-Flut-Systems“ für Reitplätze. Der aufmerksam zuhörende Nepomuk erklärt den weniger gebildeten Pferden, dass es sich um moderne Bewässerungstechnik handelt und keinesfalls um eine Trainingsfläche für See- oder Flusspferde. Prospekte und Hersteller werden zitiert. Der investitionswillige Betriebschef lauscht den Wünschen und Anregungen seiner Einsteller und ergänzt diese um einen Blick in die Fachliteratur und auf seinen Kontostand.

Während Herr Schulte-Osthoff den Finger nebst dazugehörigem Reiter ins Kreiskrankenhaus fährt, beschließt er die lange aufgeschobene Sanierung des Außenreitplatzes in Angriff zu nehmen. Schließlich liegt ihm die Zufriedenheit, gesundheitliche Unversehrtheit und sportlicher Erfolg seiner Kundschaft am Herzen. Der wunde Boden soll in einen Wunderboden verwandelt werden.

All die wundergleichen Prognosen bezüglich der neuen Reitbodeneigenschaften lassen den klugen Nepomuk hinter der Reitbodenindustrie gar eine neue Religion vermuten. Prophetisch murmelt er vor dem Einschlafen: "Kommt herbei, Ihr Pferde und Reiter, die Ihr mühsam und beladen seid, auf dass Ihr geheilt werdet von Husten, Lahmheit und reiterlichem Unvermögen."

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